Balkon in Verona: Romeo- und Julia-Effekt

Romeo- und Julia-Effekt (Reaktanz): Warum strenge Verbote das Gegenteil bewirken?

Romeo und Julia sind wohl das bekannteste Liebespaar der Welt. Zwei Liebende, die ihre Liebesbeziehung verheimlichen mussten, weil ihre Familien sich bekriegten.  Aber waren Romeo und Julia aber wirklich so stark verliebt, oder spielte vielleicht ein weiterer Faktor eine Rolle?

Erstmal zu der Frage, ob beide wirklich so unsterblich verliebt waren: Wir wissen es nicht. Es handelt sich um eine fiktive Geschichte von William Shakespeare, die im Norden Italiens – in Verona – spielte. Ihre abgöttische Liebe zueinander könnte aber noch durch einen ganz besonderen Effekt verstärkt worden sein. Einen Effekt, der in der Psychologie unter den Begriffen Reaktanztheorie oder Romeo- und Julia-Effekt bekannt ist.

Was ist Reaktanz?

Reaktanz ensteht, wenn Menschen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt oder bedroht sehen. Sie verhalten sie sich dann umgekehrt, sie wollen dann genau das tun, was verboten oder unerwünscht ist. Eine Abwehrreaktion, um das überaus essentielle Bedürfnis eines Menschens nach Freiheit und Selbstbestimmtheit wiederherzustellen. Reaktanz könnte die Liebe von Romeo und Julia also zusätzlich befeuert haben.

Wie wir Entscheidungen treffen

Viele Entscheidungen, die wir treffen, treffen wir aus dem Bauch heraus. Wenn wir eine Entscheidung gefällt haben, dann rechtfertigen wir uns im Nachhinein  gegenüber unseren eigenen Entscheidungen. Das heißt, wir suchen uns Argumente, warum unsere Entscheidung richtig war und relativieren zusätzlich die Nachteile unserer Entscheidung. Das macht auch Sinn, denn ansonsten würden wir wohl verrückt werden, wenn wir jede unserer alltäglichen Entscheidungen in Frage stellen würden. Zweitens möchte niemand blöd dastehen, weil seine Entscheidung vielleicht doch nicht die beste Idee war.

Es gibt nun zwei Arten von Rechtfertigungen für unsere Entscheidungen. Die interne Rechtfertigung, bei der wir uns die Argumente selbst zurechtlegen: „Ich tue etwas, weil ich mich selbst überzeugt habe, dass es richtig ist“. Und die externe Rechtfertigung, bei der Argumente von außen für unsere Entscheidung Rolle spielen: „Ich tue etwas, weil man mich dazu zwingt oder etwas nicht darf!“

Reaktanz: Harte Strafen wirken nur kurzfristig

In einer Studie hängten Forscher zwei Arten von Verbotsschildern in Schultoiletten auf. Eines mit „Beschmieren der Toiletten steht unter Strafe“ und ein Schild mit „Bitte beschmiert die Toiletten nicht“. Welches Schild war wohl erfolgreicher? Die Toiletten mit dem höfflichen Hinweis wurden im Durchschnitt weniger bekritzelt, als diese mit dem strengen Verbotsschild. Warum? Bei dem strengen Verbotsschild lag eine externe Rechtfertigung (Strafe) vor und verursachte eine hohe Reaktanz. Das strenge Verbotsschild verleitete die Schüler daher eher dazu die Toiletten zu bekritzeln, weil sie sich keine eigenen Argumente ausdenken mussten (externe Rechtfertigung) plus die hohe Reaktanz. Bei dem milderen Hinweis wurde keine allzu große Reaktanz erzeugt. Die Schüler legten sich ihre eigenen Argumente zurecht, warum es nicht in Ordnung ist Toiletten zu bemalen (interne Rechtfertigung).

Mit der Reaktanztheorie im Hinterkopf, lassen sich viele alltägliche Fragen besser beantworten. Zum Beispiel warum strenge Verbote in Form von Schildern (Wände beschmieren steht unter Strafe) oder strenge Verbote von Eltern gegenüber ihren Kindern (das darfst du nicht, ansonsten gibt es kein Taschengeld mehr) langfristig unwirksam sind und gegenteiliges Verhalten hervorrufen.  Die Reaktanztheorie lässt sich auf ganz andere Bereiche übertragen: Politik. Zum Beispiel sprechen  Staaten gegenüber anderen Staaten Wirtschaftssanktionen aus, so zuletzt die USA und die EU gegenüber Russland. Haben die Sanktionen eine Änderung in der russischen Außenpolitik hervorgerufen? Ganz im Gegenteil. Außerdem ist der russische Präsident Wladimir Putin bei seinem Volk beliebter denn jäh. Denken wir an andere Statten, die in der Vergangenheit sanktioniert wurden: Nordkorea, Iran, Irak und Kuba. Haben Sanktionen eine Einlenkung der politischen Führung bewirkt? Nein. Sie bestärken die politische Führung erst in ihrem Handeln.

Wenn ein unerwünschtes Verhalten also unterbindet werden soll, bringt man den „Unruhestifter“ am besten zum Nachdenken durch Denkanstöße und „milde“ Varianten von Verboten („Bitte die Wände nicht beschmieren“ anstatt „Wände beschmieren steht unter Todesstrafe“). Das Gefühl der Reaktanz wird dann vermutlich nicht so stark aus fallen und der Mechanismus der Selbstüberzeugung wird greifen. Der- oder diejenige wird sich selbst überzeugen das Verhalten in Zukunft wahrscheinlich eher unterlassen als umgekehrt.

Teilen ist sexy!
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

flatex - entdecke moeglichkeiten